Ein alljährlicher Streifzug durch das 18ème arrondissement oberhalb der Gare du Nord offenbart dem Spaziergänger ein ständig neues Bild dieses aufregenden pariser Stadtviertels, welches die malerischsten und direkt daneben die benachteiligtesten Straßen der Innenstadt beheimatet. Vor mittlerweile mehr als 5 Jahren habe ich ein Jahr auf der schmutzigen, gefährlichen und abenteuerreichen Seite dieses quartier populaire, wie die parisiens es fast euphemistisch nennen, gewohnt. Bei fast jedem meiner regelmäßigen Besuche der Stadt zieht es mich nun wieder in diese Gegend, sei es, weil ich von der Porte de la Chapelle kommend ohnehin an dem Haus vorbei fahre, in dem ich eine kleine aber sauteure Wohnung hatte, oder sei es, weil ich neugierig auf das sich immer wieder ändernde Ambiente des 18ème bin. Das jedoch, was mich oft am meisten in eine der mit Verlaub schmuddeligsten Ecken des 18ème nahe dem Périph zieht, ist schlicht und einfach “Pho”.
Faux? Non, Pho! Pho ist eine traditionelle vietnamesische Suppe. Eine klare Brühe mit Bandnudeln, Rindfleisch, Markklösen aus echtem Fleisch, Zwiebeln und vietnamesischem Basilikum bzw. Koreander. Dazu isst man Sojasprossen mit einer sehr würzigen dunkelroten bis fast schwarzen Paste, die man mit viel Phantasie als Pflaumenpesto umschreiben könnte. (Die tatsächliche Zusammensetzung ist mir bis heute verschlossen geblieben – vermutlich nix mit Pflaume!).
In den Genuss dieser köstlichen Suppe, die man übrigens nicht essen kann, ohne den ganzen Tisch und sich selbst großflächig zu beklecksen, hat mich während meines Studienjahres in Paris meine damalige Kommilitonin Christine – halbvietnamesischer Herkunft – eingeführt. Und seitdem kann ich von diesem herrlich einfachen und doch so besonderen Süppchen meine Finger nicht lassen - auch wenn ich sie mit Stäbchen und Löffel esse.
Warum ich das erzähle? Nun, als ich vor zwei Wochen auf der Durchreise zum Atlantik eine längere Parispause einlegte, musste ich natürlich sofort wieder mein Lieblingslokal im 18ème aufsuchen. Da kennt man mich bereits. Den Jungen mit dem Akzent, der früher alle paar Tage kam und nun nur noch alle paar Monate, immer mit dieser riesigen Reisetasche, die man kaum zwischen die Tische bekommt. Und immer isst er Suppe! Auch dieses Mal lockte mich nichts als Suppe.
Mais quelle surprise! Wie hatte mein kleines etwas angeranztes resto vietnamien und sein Publikum sich plötzlich verändert! Ganz zu schweigen von “Madame Pho”, der patronne, die früher in recht hässlichen Leggins und einem sackartigen Oberteil widerwillig die Suppe servierte. Wie hatte sie sich selbst und ihr kleines Lokal rausgeputzt! Und erst das Publikum! Während ich früher nicht selten als einziger Gast oder höchstens mit einigen anderen leicht zu identifizierenden Anwohnern das Lokal bevölkerte, wehte dieses Mal ein Hauch von Tout-Paris durch den Laden. Verblüfft sprach ich Madame Pho auf die plötzliche und unerwartete Veränderung des Ambiente an. Sie erzählte mir, dass sie seit 26 Jahren das Lokal führe. 25 Jahre habe sie selbst in relativer Armut gelebt und gerade eben mit plus/minus null das Geschäft geführt. Aber seit einem knappen Jahr, seitdem aus der dreckigsten Ecke des 18ème anscheinend ein Stadtteil für hippe und trendbewusste Besucher und Anwohner geworden zu sein scheint, die sich mehr und mehr den ansässigen Lokalen und Geschäften zuwenden, schreibt Madame schwarze Zahlen und denkt sogar über eine Vergrößerung nach. Avec salle à l’étage! Das wird sicher zu bewerkstelligen sein, wo doch nun der Pho auch 5,50€ kostet, 10% mehr als früher!
Bref, le 18ème bouge – es bewegt sich was im 18.! Man muss nur mal hingehen und hinsehen, hinhören, hinriechen und… hinschmecken! Es lohnt sich zuzusehen, wie gerade die sehr problembehaftete und sehr durchmischte Seite des Bezirks anfängt, sich zu verändern und zu erneuern. Ob die neue Oberfläche die alten Probleme wie Kriminalität und Ausgrenzung nun mildert oder nur vor die Mauern von Paris abdrängt, bleibt ebenso abzuwarten wie die Entwicklung der Mietpreise. On verra!
Fazit: Beim nächsten Parisaufenthalt unbedingt Pho im 18. essen gehen!
P.S.: Ich habe lange gebraucht, um in Köln ein vietnamesisches Restaurant zu finden, das sich nicht zu schick ist, eine einfache Suppe wie den Pho zu kochen, außer vielleicht als Mitarbeiteressen. Nun, ich habe einen Vietnamesen im Friesenviertel gefunden, der mir mit Wonne für 6,90€ eine Schüssel davon serviert und so dazu beiträgt, meine Erinnerungen ans 18ème hochzuhalten…