Lesebericht: Philippe Lançon, Der Fetzen, Tropen 2019

3. April 2019 von H. Wittmann



Manchmal gibt es Momente, Stunden oder Tage, die ein ganzes Leben zweiteilen, ein Vorher und ein Nachher. Für Philippe Lançon war dieser Tag der 7. Januar 2015, als etwa gegen 11 h 28 als zwei bewaffnete Attentäter in die Redaktionsräume von Charlie-Hebdo in Paris eindrangen, elf Personen töteten und mehrere verletzten:

> L’attentat sur CharlieHebdo: “Un attentat terroriste, cela ne fait pas de doute” François Hollande – 7. Januar 2015

Der Journalist Philippe Lançon überlebt das Attentat, aber eine Kugel hatte ihm den Unterkiefer zerschmettert. Für ihn beginnt ein langer Leidensweg. 17 Operationen werden notwendig sein, um die Folgen der Verletzung zumindest visuell ein wenig abzumildern. In dem Roman > Der Fetzen in der Übersetzung von Nicola Denis schildert er die Rekonstruktion seines Unterkiefers und damit auch seines Lebens, die so schwierige Rückkehr in seinen Beruf als Journalist bei Libération und Charlie-Hebdo.”

So fängt der > Lesebericht: Philippe Lançon, Der Fetzen, den unser Kollege in der Redaktion auf dem Blog von Klett-Cotta veröffentlicht hat.

Allmählich findet Philippe Lançon in sein neues Leben zurück. Seine Freunde, Kollegen und Verwandte helfen ihm. Aber seine wichtigsten Helfer sind die Künstler und Schriftsteller. Gemälde, Literatur und Filme! Er erinnert sich an Textstellen und liest manche Romane immer wieder. Die Literatur wird ihm zu einer neuen Richtschnur. Sie ist das Wichtigste, was er aus einem ersten Leben in die Zeit nach dem Attentat hinübergerettet hat. Siher, wir sprechen oft von der Bedeutung der Literatur. Hier wird es ganz konkret. Eine Seite vereint Pascal (1623-1662), Pensées: “Alles Unglück der Menschen kommt daher, das sie nicht verstehen, in Ruhe in einem Zimmer zu bleiben.” (S. 139) mit, wie könnte es anders sein? – mit  Xavier de Maistre (1763-1852), der in Die Reise um mein Zimmer (1794)  seine Reise, die 42 Tage dauert, beschreibt. Lançon denkt dabei an seine 52 Schritte über den Krankenhausflur, 52 hin 52 zurück. Lançon ordnet sich die Welt neu mithilfe von Big Brothers Neusprech aus George Orwells (1903-1950) Roman 1984: Vg. S. 141 f. Die ersten Duschen werden zu einer Qual. Er übersteht sie und denkt an Omaatas, der von den Ureinwohnern in Die Insel, dem Roman seiner Jugend, von Robert Merle (1908-2004) betreut wird. (vgl. S. 151)

Proust, Zola, Kafka, Mann, Jünger und Baudelaire u.v.a.: Lançon trug eine Maske mit einer Sauerstoffsonde und memoriert Charles Baudelaires (1821-1867) Die Reise: “Tod! alter Seemann – auf zum ankerlichten! /dies land hier sind wir müd – o tod voraus.” Und noch der letzte Vers vor dem Schlaf: “Zum Unbekannte nach des Neuen spur!” Il arrive à l’inconnu, sagte Rimbaud über den Dichter. Nach einen ersten Besuchen bei sich zu Hause, die Wohnung, die er am 7. Januar 2015 morgens verlassen hatte, denkt er wieder an Proust und sagt sich “Hier verschmelzen Vergangenheit und Gegenwart miteinander. Es ist die vermischte Zeit. (S. 519, vgl. auch S. 531 f..)

Philippe Lançon
> Der Fetzen
Roman
Aus dem Französischen von Nicola Denis
(Orig.: Le Lambeau)
2. Druckaufl. 2019, 551 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-50423-1

> Lesebericht: Philippe Lançon, Der Fetzen

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