Charles de Gaulle (22.11.1890-9.11.1970)

Wir zitieren aus dem Newsletter von > Ingo Kolboom, des Präsidenten der > Sächsisch-Bretonischen Gesellschaft e.V.:

„Vorgestern, am 9. November, war nicht nur der 25. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer. Es war auch der Todestag von Charles de Gaulle. Am 9. November 1970 starb in Colombey-les-Deux-Églises der französische General, Widerstandskämpfer, Staatsmann, Begründer der aktuellen Fünften Republik und deren Staatspräsident von 1958 bis 1969, Charles de Gaulle, nur 13 Tage vor seinem 80. Geburtstag.

<<< Ernst Weisenfeld. Charles de Gaulle. Der Magier im Elysee, München: Beck 1990. Aus Anlass des 25. Jahrestags des Mauerfalls erinnere ich an eine historische Pressekonferenz, die De Gaulle am 25. März 1959 hielt. Darin ging es um das geteilte Deutschland, Europa und Berlin. Ich zitiere aus der Passage, in der er über die Wiedervereinigung (1959 !) sprach: “Die Wiedervereinigung der beiden getrennten Teile zu einem einzigen Deutschland, das völlig frei sein würde, scheint uns das normale Schicksal des deutschen Volkes zu sein, vorausgesetzt, daß dieses seine gegenwärtigen Grenzen im Westen, Osten, Norden und Süden nicht wieder in Frage stellt und daß es danach strebt, sich eines Tages vertraglich in eine ganz Europa umfassende Organisation für Zusammenarbeit, Freiheit und Frieden einzufügen. Wir meinen jedoch, daß, bis diese Ideal erreicht werden kann, die beiden getrennten Teile des deutschen Volkes die gegenseitigen Verbindungen und Beziehungen auf allen praktischen Gebieten vermehren sollten: Das Verkehrs- und das Postwesen, die Wirtschaft, die Literatur, die Wissenschaften, die Künste, das Kommen und Gehen der Menschen usw. würden Gegenstand von Vereinbarungen sein, die die Deutschen einander näherbrächten innerhalb und zugunsten dessen, was ich die deutsche Sache (‘la chose allemande’) nennen möchte, die ihnen schließlich trotz der Unterschiede der Regime und Verhältnisse gemeinsam ist.” Quelle: > Ernst Weisenfeld: De Gaulle sieht Europa. Reden und Erklärungen 1958 – 1966. Fischer Taschenbuch 1966, S. 97.

Zwei Jahre später, am 13. August 1961, baute die DDR die Berliner Mauer … Wer auf die Schnelle wieder mehr über Charles de Gaulle, der mich schon als damals 13-jährigen Schüler sehr beeinflusst hat und dessen Reden meine ersten französischsprachigen Texte außerhalb der Schule waren, wissen möchte, dem empfehle ich die deutsche Referenzwebseite der Stiftung Charles de Gaulle: http://www.charles-de-gaulle.de/ oder für die Frankophonen: http://www.charles-de-gaulle.org/

10. Juni 1944: Gedenken in Oradour-sur-Glane (2013)

Wir zeigen den Beitrag vom 5. September 2013 nochmal hier ganz oben an und zeigen andere Filme, da einige der Filme, die ursprünglich zitiert haben, nicht mehr erreichbar sind.

Am 4. September 2013 sind Präsident François Hollande und Bundespräsident Joachim Gauck zusammen nach Oradour-sur-Glane (Haute-Vienne, 25 km nordwestlich von Limoges) gereist, um dort der 942 Opfer zu denken, die dort am 10 Juni 1944 von der 2. SS-Panzer-Division „Das Reich“ ermordet wurden. Es gab nur vier Überlebende im Dorf. Mit einem von Ihnen, Robert Hébras gedachten die beiden Präsidenten der vielen Toten in dieser Kirche.

FR3 hat die Gedenkveranstaltung aufgezeichnet:

> Déclaration de M. François Hollande, Président de la République, en hommage aux victimes du massacre d’Ouradour-sur-Glane en juin 1944, à Ouradour-sur-Glane le 4 septembre 2013 – Site : > Discours dans l’actualité


Das Centenaire 14-18, der 70. Jahrestag der Landung in der Normandie und heute das Erinnern an das entsetzliche Verbrechen in Oradour-sur Glane: 2 Kriege im 20. Jahrhundert und dann das Wunder der > Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich, die spätestens seit der Unterzeichnung des > Élyséevertrags, dessen 50. Jahrestag wir letztes Jahr auf diesem Blog mit 65 Beiträgen gefeiert haben, ist eine ständige wichtige Friedensbotschaft für die ganze Welt geworden. Viele Krisenregionen in der Welt beneiden uns um die deutsch-französische Freundschaft, die beide Staaten viel mehr in den Dienst der europäischen Sache stellen, als man täglich vermutet. Friede und Freiheit zusammen mit der Absicht und der Überzeugung, dass Geschichte als > eine gemeinsame Geschichte zu begreifen ist, gehören zu den wichtigsten Beweggründen der europäischen Einigung.


Die Probleme der Euro-Rettung und die mehr oder weniger normalen Friktionen im Alltagsbetrieb verdecken manchmal die Erinnerung an die Grundlagen der deutsch-französischen Freundschaft, die François Hollande in seienr Rede in Oradour-sur-Glane prägnant in einem Satz formulierte: „Aujourd’hui, votre visite confirme que l’amitié entre nos deux pays est un défi à l’histoire et un exemple pour le monde entier.“ Die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich nach drei Kriegen ist die Grundlage für den Frieden in Europa. Um diese gelungene Aussöhnung beneiden uns andere Länder: > La réconciliation franco-allemande après 1945: Joseph Rovan, Claude Bourdet, Ernst Weisenfeld, Afred Grosser

> Centre de la mémoire Oradour-sur-Glane
> Massacre d’Oradour-sur-Glane
> Oradour-sur-Glane – Wikipédia

Wir erinnern uns an die Begegnung von Konrad Adenauer und General de Gaulle am 14. September 1958 in Colombey-les-Deux-Eglises. Und an den Moment als Françopis Mitterrand Hand in Hand mit Helmut Kohl in Verdun stand. Gestern waren François Hollande et Joachim Gauck in Oradour-sur-Glane zusmammen mit einem Überlebenden dieses barabarischen Verbrechens in den Ruinen der Kirche von Oradour-sur-Glane, wo so viele Frauen und Kinder gestorben sind.

Fotos: > Déplacement à Oradour-su​r-Glane avec le président de la République fédérale d’Allemagne – Website des Elyséepalastes

Auf den Facebook-Account des Elysee-Palastes:

[fb-post href=“https://www.facebook.com/photo.php?fbid=10151870902035350&set=a.447130705349.239871.285829565349&type=1&theater“]

> Besuch in Oradour-sur-Glane – Website des Bundespräsidenten

Alle Schülerinnen und Schüler, die Französisch lernen, müssen sich den Film mit den Reden von François Hollande und Joachim Gauck ansehen. Präsident Hollande fand die richtigen Worte:

„“Vous êtes la dignité de l’Allemagne d’aujourd’hui, capable de regarder en face la barbarie nazie d’hier. Aujourd’hui, votre visite confirme que l’amitié entre nos deux pays est un défi à l’histoire et un exemple pour le monde entier. Et sa force s’illustre en cet instant même à Oradour-sur-Glane. C’est pourquoi votre présence, monsieur le président, est bien plus qu’un symbole, c’est une promesse de défendre les droits de l’homme chaque fois qu’ils sont violés près de chez nous ou loin d’ici.“

Europa ist unsere Zukunft:

„Si je regarde dans les yeux ceux qui portent l’empreinte de ce crime, je partage votre amertume par rapport au fait que des assassins n’ont pas eu à rendre de comptes ; votre amertume est la mienne, je l’emporte avec moi en Allemagne et je ne resterai pas muet. Aujourd’hui, l’Allemagne est un pays qui veut construire l’Europe, mais ne veut pas la dominer“

Auf Französisch:

Auf Deutsch:

> Die Rede von Bundespräsident Joachim Gauck in Oradour-sur-Glane

Bundespräsident Gauck sagte u.a.: „Wenn ich heute in die Augen derer blicke, die von diesem Verbrechen gezeichnet sind, kann ich hier in Oradour sagen: Ich teile Ihre Bitterkeit darüber, dass Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt blieben. Sie ist meine Bitterkeit. Ich nehme sie mit nach Deutschland und ich werde in meinem Land davon sprechen und dabei nicht verstummen. Aber aus der ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser bitteren Geschichte haben die Menschen in Deutschland die Kraft gewonnen, mein Heimatland zu einem guten Land zu machen. Es will „nicht über oder unter anderen Ländern“ stehen. Es will Europa bauen, aber nicht beherrschen. Und ich wünsche mir, dass Sie einen Teil meiner Freude darüber teilen oder sogar zu Ihrer Freude machen können, dass uns dieses Gute bis heute trägt und stärkt und zusammenführt.“
> Le dossier de presse complet au sujet du déplacement à Oradour-sur-Glane – Website des Elyseepalastes

> VIDEO. Oradour-sur-Glane : les raisons du massacre

France et Allemagne main dans la main à Oradour-sur-Glane – France-info
> Oradour-sur-Glane, village martyr de la barbarie nazie – Libération, 4. September 2013
Stanislas Kraland: > Oradour-sur-Glane : une commémoration dans l’ombre du massacre de Damas – Le Huffington Post

> Bilder machen Politik. Die deutsch-französische Erinnerungskultur braucht neue Symbole
01.09.2013 | von Claire Demesmay, Klemens Kober, DGAP-Analyse kompakt 6, 1. September 2013, 6 S.

1999 hatte Präsident Jacques Chirac das > Centre de la mémoire Oradour-sur-Glane eingeweiht:

La réconciliation franco-allemande après 1945

french german 

Lesebericht:
Alfred Grosser, Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz

Grosser, LebensbilanzAlfred Grosser, Politikwissenschaftler und Germanist, Franzose deutscher Abstammung, Jahrgang 1925, war von 1956 bis 1992 Professor am Institut d’Études Politiques in Paris. Autor von mehr als 30 Büchern, darunter Au nom de quoi ? A la recherche d’une éthique politique, (Paris : Seuil 1969), Deutschlandbilanz. Geschichte Deutschlands seit 1945, (München: Hanser 1974), Wider den Strom. Aufklärung als Friedenspolitik (München: Hanser 1975) und Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel, (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2009).

Jetzt hat Alfred Grosser, der Mittler und Reformpädagoge, wie er sich zu recht gerne selber nennt, seine Lebensbilanz vorgelegt: Die Freude und der Tod. Eine Lebensbilanz (Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2011). Es ist eine Autobiographie, die aber neben den Kapiteln über die Emigration seiner Familie im Dezember 1933 nach Frankreich, seinen akademischen Werdegang, über seine Mutter, seine Frau und seine Familie seine persönlichen Grundsätze zu den Themen „Politik erklären und betreiben“ und „Geld, Macht und Opfer“ enthält. Grosser hat seine Lehre und seine Bücher immer an einer Ethik orientiert, die für ihn auch „ein Minimum an Kohärenz und Handeln“ (S. 22) bedeutet. Und seine Gewährsleute heißen > Montaigne, Erasmus und eben auch Camus. Bei Camus fand er nach der Befreiung im August 1944 in der Widerstandszeitung Combat die Leitartikel von Camus mit der „Verbindung von Politik und Moral“, die er später vermisst hat. Camus‘ Worte „Solidaire et solitaire“ (die Jonas – in Jonas, ou l’artiste au travail – auf die leere Leinwand schreibt) haben Grosser immer beeindruckt. Solidarität mit allen Schwachen und Leidenden und die Unabhängigkeit, soweit das irgendwie möglich ist, auch wenn sein Einzelgängertum manchmal einigen unbequem ist.

Zu Grossers Werten gehört in erster Linie die Wahrheit, Suche nach der Wahrheit, die er auch die „ständige Selbstbefragung“, (S. 27) nennt und die Überzeugung, es gibt immer mehrere Ursachen, sein Misstrauen gegenüber den Theorien und seine Vorliebe für den Vergleich. Seinen Studenten hat er immer wieder daran erinnert, dass man die richtigen Fragen stellen muss, sich nie mit einer vermeintlichen Wahrheit zufriedengeben darf. Als Moralpädgoge will er aufklären, auch wenn er zugibt, dass man sich manchmal zuerst durchsetzen muss, um anschließend die Analyse (und die Predigt) nachzuholen. (vgl. S. 41) Was macht er? Ein Politologe erklärt hinterher, wieso das Geschehene gesehen ist (S. 97). Er hat Lust am Widerspruch, auch an der Provokation, die aber beim näheren Hinsehen, die Betroffenen – zum Beispiel Peter Sloterdijk, weil er über alle Köpfe hinwegredet – oft selber verschuldet haben. Zu seinen Werten gehört die Freiheit, „die ständige Selbstbefreiung von Vorurteilen und Gebundenheiten“ (S. 264). Als Werte nennt Grosser, der für sich einen „atheistische Humanismus“ in Anspruch nimmt und auch das „Verständnis und Mitempfinden für das Leiden Anderer“ (S. 265).

Als Politikwissenschaftler hat er seinen Studenten beigebracht, dass es immer zwei Seiten der Realität gibt, die die man mit Vernunft sieht und die, die geglaubt wird. Also muss man gegen Mythen und falsche Überzeugungen kämpfen. Um was geht es und wie kann man Politik definieren? Grossers Antwort lautet: „Die Politik ist die Gesamtheit aller Ziele und der Mittel, die sich eine menschliche Gemeinschaft gibt, um zu versuchen, die Zukunft zu meistern.“ (S. 49) Aufklären, analysieren, deuten und geduldig erklären, Aufgaben, die er mit Leidenschaft und vielen Beispielen seiner Tätigkeit als Mittler erläutert. Wann darf man was zugunsten der Menschenrechte sagen? Man kann nicht immer alles überall sagen. Das musste auch Bernard Kouchner lernen, der als Intellektueller sich anders als der Außenminister Kouchner äußerte. (S. 84) Als Grosser in Ankara zu einem Vortrag eingeladen wird, bittet ihn der französische Botschafter, die Worte „Armenier“ und „Kurden“ nicht zu erwähnen. Darauf ging Grosser gerne ein und sagte in seiner Rede: „Sie müssen wissen, dass die Europäische Gemeinschaft ein Gebiet ist, wo jeder von den Verbrechen der anderen sprachen darf und von den eigenen Verbrechen sprechen soll.“ Grosser hat auch immer wieder über die deutsche Geschichte geschrieben und auch mit Kritik nicht gespart: Er zeigt sich überzeugt, dass Deutschland sich seit 1945 schwertut mit der nationalsozialistischen Vergangenheit: Und in Bezug auf die Shoah, schreibt Grosser: Wie ich es in meinem Buch Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel versucht habe darzustellen, geht man zu weit und lässt sich immer wieder von der israelischen Regierung beeindrucken, sich sozusagen als Geisel des Verbrechens behandeln.“ (S. 65)

Grosser hat „Hochachtung für alle, die Leid anderer verhindern“ (S. 66). Seine Anmerkungen zur Bürgergesellschaft enthalten Lob und Anerkennung für alle „go-between Menschen“. Mit Kritik spart er nicht Das Deutsch-französische Jugendwerk DFJW gehörte bis 2005 zur Bürgergesellschaft. Nach der Reform seiner Struktur ist es auf eine zwischenstaatliche Einrichtung reduziert worden, die nur noch festlegen kann, „welchen Teilen der Bürgergesellschaft Unterstützung gewährt werden soll.“ (S. 138)

Spannend ist das Kapitel, in dem Grosser sein Verhältnis als Journalist und Publizist zu den Medien (S. 122-137) als Autor, Mitarbeiter und Kritiker beschreibt. Aus seinen Anmerkungen zu den Medien kann man viel über deren Beurteilung lernen. Die Kapitel über den Sport und die Kultur enthalten wieder biographische Anmerkungen, in denen Grosser seine Vorlieben und Erinnerungen beschreibt. Seine kulturelle Heimat ist Frankreich. Er hält gerne Reden, und glaubt, dass sein Rolle manchmal von der eines Schauspielers oder gar eines Predigers auch nicht weit entfernt ist. Er nennt sich einen bibelfesten Nichtgläubigen (S. 203) und gibt zu erkennen, dass ihn die Verbindung von Moral und Christentum immer interessiert und begleitet hat. An seiner Überzeugung „es gibt keinen Gott“ kann nicht gerüttelt werden. In der Tat seine Bibelkenntnisse sind beeindruckend und verleiten zum Nachlesen. Zum Beispiel das Lukas-Evangelium: „‚Selig, ihr Armen … Selig, die ihr jetzt hungert, denn ihr werdet satt werden. selig, die jetzt weint, denn ihr werdet lachen.‘ Andererseits: ‚Weh euch, die ihr reich seid, denn ihr habt keinen Trost mehr zu erwarten. Weh euch, die ihr jetzt satt seid, denn ihr werdet hungern.‘ Fazit (das ist immer noch der Text von A. Grosser:) Im Jenseits wird es euch gutgehen, und die Reichen werden bestraft – also haltet euch nur ruhig und versucht nicht, eure Lage mit Rebellion zu verändern.“ (S. 264)

Alfred Grosser ist ein Mittler zwischen Frankreich und Deutschland, obwohl er „NIE“ (S. 259) über deutsch-französische Beziehungen geschrieben hat, und dennoch gehört er zu den wichtigsten Stimmen im deutsch-franzöissichen Dialog, auch wenn er an Joseph Rovan (J. Rovan bin ich oft zusammen > Ernst Weisenfeld bei den Treffen des Arbeitskreises deutscher Frankreichreichforscher vom DFI in Ludwigsburg begegnet.) und den Jesuitenpater Jean du Rivau erinnert. Grosser hat über Frankreich geschrieben, über Deutschland, außerdem über die Außenpolitik und über Internationale Beziehungen (Les Occidentaux. Les pays d’Europe et les Etats-Uni depuis la guerre, Paris: Fayard 1978, dt. Das Bündnis, München, Hanser 1978). Die Rolle als Mittler zwischen Universität und Lehramt (S. 256) ist ihm nicht minder wichtig.

„Mein Leben hat den Sinn, den ich ihm gebe,“ (s. 271) und der Wunsch, „nach einer Moral zu handeln und handeln lassen“ resümieren sein Credo. Es gibt in der Geschichte und der Politik vielfältige Gründe für das menschliche Handeln. Auch in der politischen Analyse gibt es nicht die eine Wahrheit. Man kann versuchen, sich ihr anzunähern. Jeder andere Versuch, sie für sich zu reklamieren, ist immer zum Scheitern verurteilt. Genügt es doch, die täglichen Nachrichten anzusehen. Die Liste der Behauptungen, die uns jeden Tag als unverrückbare Wahrheiten verkaufen, ist immer recht lang. Obwohl deren Halbwertszeit oft sehr gering ist. Was dagegen hilft? Genau lesen, auch mal zwischen den Zeilen lesen, was in den Politikerreden nicht steht, die Beweggründe, mit denen dies oder jenes gesagt wird, berücksichtigen und sich gegen jeden Versuch einer Vereinnahmung wehren.

> Alfred Grosser wird heute 85 Jahre alt, 1. Februar 2010
> Ein Gespräch mit Alfred Grosser, 19. Juni 2008

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