Hörensagen: “Das Europa der Vaterländer”

22. Januar 2018 von H. Wittmann

Wenn die Fraktionsvorsitzende der AfD, Alice Weidel, heute im Deutschen Bundestag das “Europa der Vaterländer” zitiert hat, das man gerne – wenn es passt – dem früheren > Staatspräsidenten Charles de Gaulle in den Mund legt, um auf dieses Zitat ihre Rede gegen Europa aufzubauen, müssen wir doch mal nachprüfen, ob das Fundament ihrer Rede stimmt, vielleicht hat ja de Gaulle etwas anderes gemeint, etwas anderes gesagt.

“Europa der Vaterländer” klingt nach Abschottung, klingt nach Nationalismus, klingt nach Abwehr von Europa, suggeriert, dass de Gaulle genauso total gegen Europa war, wie die AfD es heute ist. Im übrigen, und das sei hier angemerkt, hatte de Gaulle 1963, als er Bundeskanzler Adenauerin Paris den Elysée-Vertrag vorschlug, weit mehr im Sinn, nämich eine Art politische Union mit Deutschland, der der Bundestag mit einer Präambel zum Ratifizierungsgesetz des deutsch-französischen Vertrages, die die Verpflichtung zu engen politischen, wirtschaftlichen und verteidigungspolitischen Beziehungen mit den USA, Großbritannien und der NATO unterstrich. Beides Absichten, die de Gaulle mit dem Vertrag eigentlich durchkreuzen, wenn nicht zumindest schwächen wollte.
Lesen wir bei dem Journalisten nach der die IV. und die V. Republik und als Begründer des ARD-Studios in Paris ein ausgewiesener Kenner der Deutsch-französischen Beziehungen und Korrespondent der ARD in Paris war: Ernst Weisenfeld > Zum Tee bei Ernst Weisenfeld – 21. Januar 2008 und > Zur Erinnerung an Ernst Weisenfeld – 7. Januar 2014. Ernst Weisenfeld berichtet in seinem Buch Charles de Gaulle. Der Magier im Elysee, München: Beck 1990 über die Pressekonferenz de Gaulles am 15. Mai 1962: – > Conférence de presse du 15 mai 1962 (questions européennes)

De Gaulle ließ er sein Misstrauen gegenüber einer Integration erkennen, die von den USA inspiriert wäre. Und er fügte hinzu: “Sehen Sie, wenn man von großen Dingen spricht, denkt man gern an die Wunderlampe, die Aladin nur zu reiben brauchte, um der Wirklichkeit entrückt zu werden. Doch es gibt keine Zauberformel, die es ermöglichte, etwas so Schwieriges wie ein geeintes Europa zu schaffen. Machen wir darum die Realität zur Grundlage des Gebäudes. Und wenn wir diese …” Und Weisenfeld kommentiert: “Die realen Grundlagen der Europäischen Einigung waren für ihn die Staaten mit ihren unterschiedlichen Interessen:” De Gaulle “Gibt es ein Frankreich, ein Deutschland, ein Italien, ein Holland, ein Belgien und ein Luxemburg, die bereit wären, in einer für sie unter nationalen oder internationalen Gesichtspunkten wichtigen Frage etwas zu tun, was sie für schlecht halten, weil andere es ihnen befehlen? Würden sich das französische, das deutsche, das italienische, das holländische, das belgische und das luxemburgische Volk Gesetzen unterwerfen, die von fremden Abgeordneten beschlossen worden wären und die vielleicht im Gegensatz zu ihrem innersten Wollen ständen?Das gibt es nicht. Es ist zur Stunde nicht möglich, eine Nation, die sich sträubt, einer ausländischen Mehrheit zu unterwerfen.” “Die Autorität, Gesetze und Anordnungen für Völker zu beschließen, hätten nur die Regierungen,” fügt Weisenfeld hinzu
“In diesem Zusammenhang ging er auf die Formel vom «Europa der Vaterländer» ein, die ihm oft in den Mund gelegt wurde. Er habe sie nie gebraucht. (De Gaulle:)’Das will nicht heißen, daß ich mein Europa verleugne. Im Gegenteil: Ich bin ihm stärker verbunden als je zuvor. Außerdem glaube ich nicht, daß Europa eine lebendige Einheit werden kann, wenn es nicht Frankreich mit seinen Franzosen, Deutschland mit seinen Deutschen, Italien mit seinen Italienern usw. umfaßt. Dante, Goethe und Chateaubriand gehören ganz Europa, gerade weil sie in erster Linie Italiener, Deutsche und Franzosen waren. Sie hätten Europa keinen großen Dienst erwiesen, wenn sie Staatenlose gewesen wären und in irgendeinem integrierten oder gedacht und geschrieben hätten.
Es ist nun mal so, daß Vaterland ein menschliches, gefühlsmäßiges Element darstellt und daß Europa nur auf Elemente der Aktion, der Autorität, der Verantwortung aufgebaut werden kann. Welche Elemente? Nun die Staaten! Denn es gibt nichts anderes als die Staaten, die zuständig, legitimiert und in der Lage wären, in dieser Hinsicht etwas zu verwirklichen. Ich sagte es bereits, und ich wiederhole es: Außer dem Europa der Mythen, der Phantasie und des Scheins ist zur Zeit kein anderen möglich als das der Staaten.'” Gaulle, id., Charles de Gaulle, op. cit., S. 48f.)

Kann es sein, dass Ernst Weisenfeld sich irrt, hat er ein Dokument übersehen? Frgen wir doch de Gaulle: Anlässlich einer Pressekonferenz am 15. Mai 1962 erklärte der Staatspräsident:

> Conférence de presse du 15 mai 1962 (questions européennes):

Vorgeschichte und Entstehung des Deutsch-Französischen Vertrags: Vgl. Giilbert Ziebura, Die deutsch-französischen Beziehungen seit 1945. Mythen und Realitäten, überarb. und akt. Neuausgabe, Stuttgart, KLett-Cotta 1997, S. 137-171.

Der Frankreich-Blog auf

France-blog.info auf Facebook

Follow FranceBlogInfo on Twitter

> Der Autor dieses Blogs

> Konzept unseres Blogs

> Fehler auf unserem Blog

> Impressum

> Datenschutz


Immer aktuell:

> Twittern für die deutsch-französische Kooperation

> Twittern. Frankreich und Deutschland in der EU

> Deutsch-französisches Twittern, aber diesmal aus der Perspektive der Außenministerien

> Beiträge mit Aufgaben für Schüler/innen

> Froodel.eu - Entdecke Deine französische Welt

Aktuelle Themen
auf unserem Blog:

Argumente für Französisch

Apprendre l’allemand: Argumente für Deutsch

> Unsere Videos

> Unsere Videos auf Twitter

> Consultations citoyennes

> Monsieur le Président veut de nos idées! La consultation citoyenne sur la promotion de la langue française et du plurilinguisme dans le monde

> Lernen mit digitalen Medien im Französischunterricht

> Für einen Tag nach Paris 128 Fotos

> VdF-Bundeskongress an der Universität Leipzig 09. und 10. März 2018

> Themen für den Französischunterricht

> 16.1.2018
Stuttgart. Conférence Littérature des immigrés en France avec une bibliographie

> Les Vœux 2018 du Président de la République à la Jeunesse de l'Europe

> Unsere Berichte von der Frankfurter Buchmesse 2017

> Initiative pour l’Europe – Discours d’Emmanuel Macron pour une Europe souveraine, unie, démocratique. - 26. September 2017

> Rezension: Édouard Philippe, Des hommes qui lisent

> Haben Sie im Französischunterricht schon mal mit Twitter gearbeitet?

> Schriftsteller besuchen: Montaigne, Diderot, Rousseau, Stendhal, Guizot, Flaubert


2009-2017

> Fête de la francophonie Berlin 2017 - 1er avril 2017

> Digital unterrichten – Enseigner avec le numérique = Ein Handbuch für das digitale Lernen

> #Législatives2017

> #Présidentielle2017

> L’investiture d’Emmanuel Macron, Président de la République

> Die Tweets von Emmanuel Macron

> Les pouvoirs du président de la République / Die Aufgaben des Staatspräsidenten

> #Présidentielle2017. Le programme d’Emmanuel Macron

> #Presidentielle2017 : La victoire d’Emmanuel Macron

> Élection présidentielle 2017 : Candidats + campagne électoral + bibliographie + sitographie

> Bloggen für F und D

> Conférence à Montpellier, 28 février 2017. Emploi : L’accès au premier emploi en France et en Allemagne avec une bibliographie et une sitographie

> 22. Januar 2017 Deutsch-französischer Tag: Wir feiern die Unterzeichnung des Élysée-Vertrags

> Deutsch-französische Digitalkonferenz, Berlin, 13. Dezember 2016

> Existenzialismus

> >Litprom Literaturtagen 2017 – „Weltwandeln in französischer Sprache“ -mit 4 Video-interviews

> Wikipédia et la vérité

> Nachgefragt: Jean-Paul Willaime et la laïcité

> Präsidentschaftswahl 2017

> Auf nach Montpellier

> Wie kommt man am besten nach Digitalien? (II)

> Réactions: Pisa-Studie – l’enquête Pisa

> Prix des lycéens allemands 2016-2017

> Schaubühne , Berlin: Albert Camus, Der Fremde

> Vacances en France (V) Wann und wohin?

> Nachgefragt: Ministerpräsident Winfried Kretschmann antwortet auf unsere Fragen

> #JFA2017 : 22 janvier 2017 journée franco-allemande

> Nachgefragt: Nathalie Guegnard, Attachée de coopération éducative, Ambassade de France, répond à nos questions

> Rencontre pédagogique et institutionnelle à Essen du 4 au 7 oct. 2016

> Vortrag: #Brexit oder #nonBrexit?

> Brexit

> Interview mit Olaf Scholz

> 14 juillet 2016: Terror in Nizza

> Französisch in Deutschland : Interview d'Emmanuel Suard ****

> Fußball-Europameisterschaft 2016

> Der Vergleich I- XIII La comparaison

> Jacques Toubon, Défenseur des droits, parle des migrants et des réfugiés

> Un traité de l’Élysée 2.0 ?

> 29 mai 2016 : Les commémorations de la bataille de Verdun

> Nachgefragt: CNCDH

> Marcel Proust

> Die Attentate vom 13.11.2015

> Commission nationale consultative des droits de l’homme CNCDH

> Digital unterrichten

> Loi numérique 2016

> Twittern

> Bloggen für F und D

> Verdun

#COP21 auf unserem Blog

> Orthographiereform

> Napoleon III.

> Flüchtlinge-Integration

> Kurzfilm 2016

> Warum Französisch?

> Loi travail

> Open Access

> Jean-Paul Sartre

> L'étranger

> Schengen

> Deutsch-französischer Ministerrat

> La francophonie

> Digitale Agenda

> Lexikometrie


 

Diese Website speichert User-Daten  für eine Besucher-Statistik,womit der Inhalt dieses Blogs verbessert werden kann.  Falls Sie die to opt-out Option anklicken, wird ein Cookie gesetzt, das ein Jahr lang diesen Hinweis berücksichtigt. Ich stimme zu, Nein, ich stimme nicht zu.
524