Sartre, Der Teufel und der liebe Gott

8. November 2009 von H. Wittmann



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Heute abend habe ich eine beeindruckende Aufführung des Theaterstücks von Sartre > Der Teufel und der liebe Gott in der St. Johanniskirche in Mainz gesehen. Die Altartreppe als einfaches Bühnenbild genügte für den Rahmen dieses Stücks, das von den elf Schauspielern in beeindruckender Weise aufgeführt wurde. Dieser Inszenierung ist eine viel größere Publizität zu wünschen.

Am Sonntag, 8. November um 19 Uhr 30 findet noch eine letzte Aufführung dieses Stücks zugunsten der Renovierung der Kirche statt. Weitere Fotos der Aufführung sind auf der Website der > Sartre-Gesellschaft und hier im > Fotoalbum auf der Facebook-Seite des Frankreich-Blogs erschienen.

Der Feldherr Goetz erhält vom Priester Heinrich den Schlüssel für die Stadt Worms.

Götz lässt sich – durch ein Würfelspiel – zum Guten konvertieren.

Man muss auch Böses tun, um Gut zu sein.

Als Vorstandsmtglied der > Sartre-Gesellschaft in Deutschland und der > Groupe d’Études sartriennes in Frankreich habe ich vor Beginn der Aufführung die Grüße der beiden Gesellschaften überbracht und auf Einladung des Veranstalters in der Kirche einige einleitende Worte gesagt:

Das Stück Der Teufel und der liebe Gott nimmt unter den anderen Theaterstücken Sartres, wie Die Fliegen, Bei geschlossenen Türen oder Tote ohne Begräbnis eine besondere Stellung ein. Hier geht es um nicht um eine Situation, in der eine Wahl getroffen wird, sondern um die Revision einer Wahl, auch Konversion genannt. Goetz, der Feldherr, war einst böse, hatte also einst das Böse gewählt, und wird zu einer Umkehr bewegt, die ihn am Ende zu einer erneuten Revision seiner Wahl führt: „Ich wollte das Gute. Wie töricht. Auf dieser Erde und in dieser Zeit sind das Gute und Böse untrennbar. Ich bin bereit, böse zu sein, um gut zu werden.“ – „Du hast Dich verändert,“ antwortet ihm Nasty.

Während der Belagerung von Worm gerät Nasty (Dennis Pfuhl), Bäcker und Revolutionär, in die Gewalt des Feldherrn Götz (Max Rohland), der in den Diensten des Erzbischof von Worms steht, dessen Bewohner sich gegen ihn aufgelehnt haben. Nasty versucht Götz davon abzubringen, Böses zu tun, das nur die vorhandene Ordnung aufrechterhalten würde. Götz geht auf ihn ein, wandelt sich, konzentriert sich auf das Gute, errichtet einen „Sonnenstaat“ zum Wohl seiner Untertanen. Er weigert sich sogar, auch den Aufstand seiner Bauern anzuführen, dieser scheitert und Götz versteht, dass seine Weigerung 25000 Tote verursacht hat. Er akzeptiert, dass das Leiden auch größeres Leiden verhindern kann und willigt ein, die Aufständischen mit allen Konsequenzen zu führen.

Im wesentlichen wird dieser Inhalt des Stücks mit den Dialogen zwischen Götz und Nasty dargestellt. Aber es gibt auch noch den Priester Heinrich (Sergej Gößner), der auf seine Weise den Konflikt verkörpert, den dieses Stück illustrieren will: Sartre dazu in einem Interview: „Wenn er zu den Armen hält, verrät der die Kirche, wenn er zu der Kirche hält, verrät er die Armen. Daß es sich in einem Konflikt befindet, wäre noch gelinde gesagt. Es ist selbst ein Konflikt. Und das Problem ist für ihn absolut unlösbar, denn er ist bis in das Mark getäuscht. Da ihm also selbst vor ihm graut, beschließt er, böse zu werden. Solche verzweifelte Situationen kann es geben,“ sagt Sartre über ihm. Im Stück klingt das dann so: „Die Welt ist voller Unbill; findest du dich damit ab, so bist du schon ein Mitschuldiger du wenn du sie verändern willst, musst du zum Henker werden,“ damit bewirkt Heinrich in Goetz genau das Gegenteil: „Ich war ein Verbrecher, ich wandle mich, ich drehe meine Weste rum, und – was wollen wir werden – es wir noch ein Heiliger aus mir.“ Aber er wird bald merken, dass es nicht einfacher ist, das Gute als das Böse zu tun.

Es geht in diesem Stück aber auch um eine Moral. Eine Fußnote in dem Buch über Jean Genet, Komödiant und Märtyrer, das zur gleichen Zeit entsteht, ist eindeutig: „Jede Moral, die sich nicht zu gleich als heute unmöglich zeigt, trägt zur Mystifizierung und zur Entfremdung der Menschen bei. Das ‚Problem‘ der Moral entsteht für uns, weil die Moral für uns zugleich unumgehbar und unmöglich ist.“ (Saint Genet, S. 212)

Ob Gott existiert oder nicht, das Drama zwischen Gut und Böse bleibt. Und Götz begreift am Ende „eine menschliche Wahrheit“. In einem gewissen Sinn, läßt das Stück eine Entwicklung Sartres vom Autor einer Individualmoral zu einem engagierten Militant erkennen. Sein Stück stellt die Frage, nach einer Moral; es läßt uns ohne eine konkrete Antwort, es sei denn die Aufforderung, im Suchen nach einer Moral nicht nachzulassen, würde uns genügen. Wenn die Menschen aus ihrer Suche nach der Moral ein wenig Hoffnung schöpfen, gewinnen sie. Und > hier trifft sich Sartre wieder mit Camus, der in der Pest zeigt, dass das Virus in dem Moment an Virulenz verlor, als die Menschen wieder Hoffnung schöpften.

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