Camus, die Kunst, die Freiheit, die Revolte

4. Januar 2020 von H. Wittmann



Aus Anlass des 60. Todestages von Albert Camus > Albert Camus 7.11.1913-4.1.1960 – 4. Januar 2020 wurde wieder an sein Werk erinnert. Gerade haben die Leser von LE MONDE in ihrer Sammlung der > 101 Romane drei Romane von Camus mitaufgezählt: Der Fremde (1942), Die Pest (1947) und Der Fall (1946).

Albert Camus Oliver Jordan, Privatbesitz,
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Aber auch jetzt in den erneuten Nachrufen und Würdigungen kommt Camus als politischer Autor und vor allem mit seinem Selbstverständnis des Schriftstellers als Künstler zu kurz. Einige  Gedanken aus dem Vortrag, der im Institut für Wissenschaft und Kunst in Wien in Wien am 5.11.2019 gehalten wurde: > Camus und die Politik der Revolte:

Das Absurde. Das Werk von Albert Camus wird heute immer noch – besonders für Schüler/innen – völlig zu Unrecht auf die Bestimmung des Absurden reduziert. Camus verstand sich als ein eminent politischer Schriftsteller, Denker und Künstler. Er konzentrierte sich in seinem Gesamtwerk keineswegs nur auf die Beschreibung einer absurden Welt, aus der viele auch heute noch Resignation und Pessimismus ableiten. Sein Werk enthält nicht nur in Der Mensch in der Revolte dezidierte Aufforderungen, auf dem Weg der Kunst mit der Revolte dem Absurden zu begegnen.

Die Revolte. Wird > Der Fremde (1942) in seinem Werk isoliert betrachtet, folgt man gar der Versuchung, einer einseitigen Auffassung des Absurden zu folgen, wird man dabei in seinem Werk die Bedeutung der Revolte mit allen Ihren Folgen zu übersehen. Der Fremde und Die Pest (1947) systematisieren beide die Suche nach einer Moral. Der Fremde erzählt die gescheiterte Revolte eines Einzelnen gegenüber der Gesellschaft, die ihn nicht verstehen will – man folgt so gerne dem Staatsanwalt – , während in der Pest die Hauptfiguren sich einem von außen über die Bewohner von Oran hereingebrochenen Unheil planmäßig und schließlich erfolgreich in den Weg stellen: Im Werk von Camus ist das Absurde ist nur ein Ausgangspunkt. Nicht mehr als eine Art Diagnose. Danach folgt die Revolte. Die Revolte ist bei Camus kein Selbstzweck. Sie steht nicht alleine, sondern sie gibt dem Widerstand gegen das Absurde im Sinne einer Anerkennung einen Sinn. Darin steckt eine Beschreibung der Welt, so wie Künstler dies als ihre Aufgabe betrachten: “Die absurde Welt ist nur ästhetisch zu rechtfertigen”, schreibt Camus Ende 1944 in sein Tagebuch (Carnets II). Das Kunstwerk besitzt einen ästhetischen Wert, wenn es ihm gelingt, dieses Verständnis der Welt zu kommunizieren.

Die Ideologiekritik in seinem Vortrag „Le témoin de la liberté“, den er am 20. Dezember 1948 anlässlich eines internationalen Schriftstellerkongresses gehalten hat, erinnert an die enge Verbindung von Kunst und Politik sowie die Aufgaben des Künstlers. Der ersten Satz nennt das Thema und die Stoßrichtung seines Angriffs: „Mittelmäßige und grausame Ideologien“ bewegen die Menschen, die vor allem Scham empfinden. Er warnt die Künstler davor, sich ihre Aufgaben diktieren und sich von einer Ideologie vereinnahmen zu lassen. Er bezeichnet Politik und Kunst als zwei Seiten derselben Revolte gegen die Unordnung der Welt. Die Kunst ist ein Bollwerk gegen die Ideologien. Das Kunstwerk ist ihnen überlegen, denn es stellt sich den Eroberungen der Ideologie entgegen, so lautet Camus’ Urteil. Es geht dabei um nichts anderes als um die Unabhängigkeit der Literatur und der Kunst.  In L’homme révolté. Essai (1951) verschärfte Camus seine Kritik an revolutionären Ideologien.

Verhältnis und Bedeutung von Kunst und Freiheit im Werk Albert Camus’ und die daraus entstehende Begründung für seine Ideologiekritik werden heute immer noch übersehen: “Denken heißt, eine Welt schaffen wollen […],” schreibt er. Der Mensch überwindet nicht seine Widersprüche, aber er schafft mit der Hilfe der Kunst ein Universum, eine Art Arrangement mit seinen Zweifeln, mit allem was ihn von der Welt trennt. Indem er diese Aufgabe akzeptiert, stellt er die Bedingungen, was auch bedeutet, dass er für sie verantwortlich ist.

Der Künstler, der seine Aufgabe nicht im Kampf, sondern durch die Kunst gefunden habe, ist in erster Linie „ein Zeuge der Freiheit.“ Kein Künstler kann sich diesem Engagement entziehen, um sich stattdessen auf eine Moral oder eine Tugend zu berufen. Angesichts des Unglücks in der Welt muss der Künstler sich dieser Welt entgegenstellen und mit seiner Kunst zum Verständnis der Welt beitragen. Aus der Beschreibung der Welt entwickelt sich der Widerstand, den Camus als kompromisslose Haltung vom Künstler fordert. Mit diesen Überlegungen warnt Camus den Künstler davor, jemals ein Komplize derer zu werden, die sich der Sprache und der Mittel der Ideologie bedienen.


Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der FreiheitNach der englischen Ausgabe 2009 liegt dieses Buch seit September 2020 auf Deutsch vor, ergänzt um zwei Kapitel über die Studien die Jean-Paul Sartre zu den Werken von Jean Genet und Stéphane Mallarmé angefertigt hat:

Heiner Wittmann, > Sartre, Camus und die Kunst. Die Herausforderung der Freiheit. Reihe Dialoghi/Dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. v. Dirk Hoeges, Band 18, > Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u.a., 2020. Hardcover. ISBN 978-3-631-83653-8.

 

Bibliographie:

H. Wittmann, Kunst und Moral. Albert Camus und seine Nobelpreisrede: in: Willi Jung (Hrsg.),  Albert Camus oder der glückliche Sisyphos– Albert Camus ou Sisyphe heureux, Deutschland und Frankreich im wissenschaftlichen Dialog / Le dialogue scientifique franco-allemand, Bonn University Press bei V&R unipress 1. Auflage 2013, S. 173-194.  ISBN 978-3-8471-0146-8

—.  Aesthetics in Sartre and Camus. The Challenge of Freedom, translated by Catherine Atkinson, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs, ed. by Dirk Hoeges, vol. 13, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u.a., 2009.

—,  Albert Camus. Kunst und Moral, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Hrsg. Dirk Hoeges, Verlag Peter Lang, Frankfurt/M u.a. 2002.

—, Vergleich: Sartre oder Camus? – Frankreich-Blog, 3. September 2018

> Relire : Albert Camus, L´Étranger – 22. August 2018

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