Michel de Montaigne. Gallica digitalisiert das Exemplaire de Bordeaux

23. August 2016 von H. Wittmann

Michel de Montaigne (1533-1592) war Schriftsteller, Jurist, Politiker und hat mit seinen Essais ein bedeutendes Werk der Weltliteratur und zugleich eine neue Literaturgattung geschaffen. Seine Essais umkreisen viele verschiedene Themen, nehmen immer neue Blickwinkel ein, schweifen ab und kommen wieder (oder auch nicht) zu ihrem Gegenstand zurück und lassen auch oft das Ende der Betrachtung offen.

Montaigne - Heiner WittmannMontaigne hat die Essais von 1572 bis 1592 verfasst.

> Montaigne vor dem Musée de Cluny in der Rue des Écoles gegenüber der Sorbonne. >>>>

Am 1. März 1580 erscheinen die ersten beiden Bände in Bordeaux. Der dritte Band folgt sechs Jahre später. Im Dezember 1581 bis 1585 wird Montaigne Bürgermeister von Bordeaux und vermittelt zwischen den zerstrittenen Parteien der Reformation. Danach widmet er sich wieder seinen Essais. Im sogenannten Exemplaire de Bordeaux EB trug Montaigne zahlreiche Korrekturen und Ergänzungen handschriftlich ein, auf dessen Grundlage Marie de Gournay 1595, drei Jahre nach Montaignes Tod, eine erste Gesamtausgabe anfertigte. Die Editionsgeschichte der Essais ist kompliziert. Nicolas Barbey berichtet am 6. Juli 2016 auf der Website von Gallica > Comment Montaigne écrivait ses Essais : l’Exemplaire de Bordeaux.Montaigne - Heiner Wittmann1802 entstand auf der Grundlage des Exemplaire de Bordaux eine neue Gesamtausgabe, die aber Lücken aufwies, hatte doch ein ahnungsloser Buchbinder einfach von Montaigne vollbeschriebene Ränder beschnitten, daher wird die Ausgabe von 1595 als Textgrundlage bevorzugt. Zudem lassen die Unterschiede vermuten, dass es noch ein weiteres Exemplar oder Korrekturexemplar aus der Feder Montaignes gegeben haben muss, dass heute verschollen ist. Dennoch hat das jetzt digitalisierte Exemplaire de Bordeaux einen großen Wert, da es einen Einblick in die Schreibwerkstatt des Autors vermittelt:

Das persönliche Exemplar von Montaigne mit seinen Anmerkungen (1588-1592): > Exemplaire de Bordeaux.

Montaigne, Michel de, Essais de Michel seigneur de Montaigne. Cinquiesme edition, augmentée d’un troisiesme livre et de six cens additions aux deux premiers. A Paris, Chez Abel L’Angelier, au premier pillier de la grand Salle du Palais. Avec privilege du Roy. 1588

Seit 1991 ruht das Buch in einem Tresor der Bibliothek in Bordeaux. Anlässlich der Ausstellung « Montaigne Superstar » in Bordeaux vom 20. September bis 17. Dezember 2016 wird es der Öffentlichkeit wieder gezeigt.

> La page Facebook animée par Montaigne lui-même

„Les Essais“
haben wohl die meisten ihrer Leser tief geprägt. In der allerersten Vorlesung, die ich nach meiner Rückkehr aus Paris an einer deutschen Universität hörte – es war in Bonn, die Vorlesung von > Prof. Dr. Hoeges hieß „Montaigne, Les Essais“. Prof. Hoeges kam in den Hörsaal, nannte das Thema der Vorlesung und verteilte den Text des Vorwortes der Essais > Au lecteur und ließ mich übersetzen: „…lecteur, je suis moi-même la matière de mon livre…“. Aber es geht gar nicht nur um Montaigne selbst, es geht um seine Beobachtungen, so wie er sich sieht, aber auch wie er alles um sich herum, ganz subjektiv empfindet, beobachtet, bewertet. Er zitiert viele antike Autoren, erinnert an ihre Einsichten, verbindet und vergleicht sie mit den Ereignissen seiner Zeit. Kurz, mit der Übersetzung von „Au lecteur“ hatte das Leseabenteuer begonnen.

Im ersten Kapitel Par divers moyens on arrive à pareille fin des Ersten Buches heißt es: „Certes, c’est un subject merveilleusement vain, divers, et ondoyant, que l’homme.“ Im dritten Kapitel Nos affections s’emportent au-delá de nous steht: „Nous ne sommes jamais chez nous, nous sommes tousjours au delà.“ Wir sind uns ständig voraus. Les Essais sind bei weitem kein ungeordnetes Buch. Es genügt, die zahlreichen Exempla zu verfolgen, die vielen Begebenheiten aus der Geschichte, an die der gewiefte Historiker Montaigne erinnert, die er aufzählt, um zu gegebener Zeit eine Schlussfolgerung daraus zu ziehen, bevor er diese wieder mit einem neuen Exemplum kontrastiert. Lesen Sie Montaigne, und Sie werden das Argumentieren lernen, so wie das lange Kapitel XIV Que le goust des biens et des maux dépend en bonne partie de l’opinion que nous en avons eigentlich auch ein Traktat über die Methode, einen Essay zu schreiben genannt werden könnte. Wenn Sie die Exempla, die Montaigne hier nennt, am Rand nummerieren, werden Sie die Struktur dieses Kapitels leicht durchschauen und nebenbei vermittelt uns der Autor wichtige Einsichten: „La fortune ne nous fait ni bien ni mal; elle nous en offre seulement la matière et la semence, laquelle nostre âme, plus puissante qu’elle, tourne et applique comme il luy plaît, seule cause et maîtresse de sa condition.“

Im Kapitel XX Que Philosopher, c’est apprendre à mourir steht der Satz „La vie n’est de soy ny bien ny mal: c’est la place du bien et du mal selon que vous la leur faictes,“ der an den Autodidakten in Sartres La Nausée (1938) erinnert, als dieser Roquentin auf die Frage, was denn der Sinn des Lebens sei, antwortet, das Leben habe den Sinn, den man ihm gebe. Das Kapitel XXI De la force de l’imagination enthält wieder eine Reflexion über die Anwendung und die Bewertung der Exempla, dabei merkt man, dass die Titel der Kapitel nicht unbedingt immer mit ihrem Inhalt übereinstimmen. Im Kapitel XXIV Divers événements de même conseil steht über das Glück, über Fortuna noch etwas: „Tant c’est chose vaine et frivole que l’humaine prudence; et au travers de tous nos projects, de nos conseils et précautions, la fortune maintient tousjours la possession des événements.“ Wieder > Machiavellis Fortuna und ihr Wirken. Deshalb hatte meine Hauptseminarbeit den Vergleich von Machiavelli und Montaigne zum Thema.

Dann steht im folgenden Kapitel XXV Du pedantisme: „Il falloit s’enquerir qui est mieux sçavant, non qui est plus sçavant. Nous ne travaillons qu’à remplir la mémoire, et laissons l’entendement et la conscience vide.“ Danach geht es im Kapitel XXVI über die Kindererziehung: „Il est bon qu’il le face trotter devant luy pour juger de son train, et juger jusques à quel point il se doibt ravaler pour s’accommoder à sa force. A faute de cette proportion nous gâtons tout: et de la sçavoir choisir, et s’y conduire bien mesurement, c’est l’une des plus ardues besongnes…“ Das Kind genau beobachten und Schlussfolgerungen daraus ziehen…, das wird später auch > Jean-Jacques Rousseau in seinem „Émile ou de l’éducation“ (1762) als Schlüssel zu einer gelungenen Erziehung seinen Lesern nahelegen.

Genug. Wir könnten noch einige Tage so weitermachen, und den Digressions, den vielen Themen, und Montaignes Einsichten folgen: Aufpassen: „Nostre esprit est un util vagabond, dangereux et temeraire; il est malaisé d’y joindre l’ordre et la mesure,“ steht im XII, und längsten Kapitel Apologie de Raimond Sebond im 2. Buch. Und denken Sie daran, mangelnde Entschlußkraft ist ein Quell vielen Übels: „Je ne veux donc pas oublier encor cette cicatrice, bien mal propre à produire, en public: c’est l’irresolution, defaut tres-incommode à la negociation des affaires du monde.“ Es gibt doch etwas, was wir Fortuna entgegensetzen könne.

2009 hatten wir das Glück, Montaigne in seinem Turm besuchen zu dürfen und mit ihm zu sprechen: > Une visite chez Michel de Montaigne.

Zum Lesen:

> the montaigne project nach dem Exemplaire de Bordeaux

> Montaigne : > Les Essais – I Traduction en français moderne, Volume 1 Guy de Pernon, 2008 – 456 pages

Michel de Montaigne, > Essais (1595) Texte établi par P. Villey et V. L. Saulnier, P. U. F., 1965 (1, p. couv). – Wikisource

> Brief Montaignes an Henri IV, 2. September 1590, in: Les bibliothèques humanistes virtuelles
> Société Internationale des Amis de Montaigne

> Montaigne – Tour Historique – Site officiel

> Michel de Montaigne – France Culture

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