Albert Camus, L’étranger

14. Februar 2016 von H. Wittmann

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Niklas Maak berichtet heute am 14.2.2016 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung unter dem Titel Der Gegendarsteller über den Roman Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung von Kamel Daoud, der am 18.2.2016 bei Kiepenheuer & Witsch auf Deutsch erscheint.


> Literaturhaus Stuttgart Freitag 11.03.16 20.00 Uhr
> Albert Camus | Der Fall Meursault. Eine Gegendarstellung
Fällt aus
Kamel Daoud – Lesung und Gespräch – Moderation: Stefan Buchen
Dolmetscherin: Isabel Lienenkämper


Sehr oft, wenn Camus Roman L’étranger (1942) resümiert wird, könnte man glauben, es gebe noch einen Roman L’étranger, weil die erzählten Inhalte sich so ganz anders präsentieren als bei der Lektüre des Original-Romans.

camus-l-etranger-4 > Gelesen: Jacques Ferrandez,
L’Étranger d’après l’œuvre d’Albert Camus
>>>>>

„Ein Mann geht an einem Strand, es ist heiß, und die Sonne blendet, und der Schweiß läuft ihm in die Augen…“ Und dann erzählt Maak, was bekannt ist und immer wieder berichtet wird. Der Araber zückt das Messer, „und die Sonne blendet, und es ist sehr heiß, und Meursault sieht kaum etwas und zieht den Revolver und tötet den Araber mit einem Schuss.“ Dann schießt er noch mehrmals. Das klang wie Schläge an die Tür des Unheils, fügte Camus hinzu. Kein Wort bei Maak davon, dass er seinem Freund vorher den Revolver abgenommen hat, damit er keine Dummheiten damit begehe. Und war es Notwehr, hatte Meursault Angst, dass der Araber sofort das Messer auf ihn werfen würde?

camus-l-etranger-2Meursault, der Held, „der sich – nach Maak – existentiell fremd in der Welt fühlt“? Das steht nur in den Schulinterpretationen zu diesem Rman, das steht nirgends im Roman. Und wenn, dann sind es alle, „existentiell fremd in dieser Welt“ liest man in Le mythe de Sisyphe. Man stellt Fragen an die Welt, und die Welt schweigt vernunftswidrig, schreibt Camus. Ohne Zweifel, darf man sich fragen, warum es gerade ein Araber war, den Meursault am Strand erschossen hat? Damit beschäftigt sich u. a. das Buch von Kamel Daoud.

Der Fremde sei „die Geschichte des Franzosen Meursault,“ so Maak, „der nach dem Tod seiner Mutter gleichgültig und teilnahmslos durch das Algier der Kolonialzeit treibt…“ Ob Maak den Original-Roman von 1942 gelesen hat? Wo steht dort, das Meursault „teilnahmslos“ gewesen sei? Das steht nur in den Interpretationen, die über eine vermeintliche Gefühlskälte Meursaults berichten, die der Staatsanwalt ihm ankreidet: Der Milchkaffee am Sarg der Mutter, die Liaison mit Marie, de Filmbesuch, wo Fernandel spielt, sein Desinteresse an dem, was ihn herum passiert… Wie aufmerksam, Meursault die Geschworenen im Gericht beobachtet. Im zweiten Teil des Romans berichten alle Personen, mit denen er im ersten Teil zusammentraf, über seine angeblichen Verfehlungen, die mit dem Mord nichts zu tun haben. Liest man den Roman von 1942, kann man die vielen Einzelheiten zur Kenntnis nehmen, mit denen Meursault, der Ich-Erzähler, seine Umgebung beobachtet. Und wie Menschen über andere reden, camus-l-etranger-1 – nur der Hausmeister aus dem Altersheim wirft auf die Frage nach dem Milchkaffe ein, er habe ihn Meursault angeboten. Alle anderen folgen dem Staatsanwalt, spielen sein Spiel leichtfertig mit; das ist ein Thema des Buches, das mit der Tatsache, dass das Mordopfer Araber war, gar nichts zu tun hat

Aber Maak sagt noch mehr: „Camus … hatte es pünktlich zu seinem einhundersten Geburtstag geschafft, im Vergleich zu Sartre als der letztlich bedeutendere Autor zu gelten: Dem dogmatischen Stalin-Verteidiger Sartre stand fortan als leuchtende Figur der antiautoritäre Humanist Camus gegenüber.“ Maak kennt nicht Sartres Fundamentalkritik am Marxismus stalinistischer Prägung, der den Menschen wie in einem Schwefelbad auflöse. (Cf. Sartre, Critique de la raison dialectique, Paris 1960, S. 45, H. Wittmann, Sartre und die Kunst, Tübingen 1996, S. 79) Sartres Hauptwerk L’être et le néant (1943) ist das wichtigste Buch, das im 20. Jahrhundert
wittmann-camus über die menschliche Freiheit verfasst wurde. Die Gegenüberstellung von Sartre und Camus bei Maak wird auch die Analyse der Stellung von Kunst und Freiheit in ihren beiden Werken deutlich widersprochen: H. Wittmann, Aesthetics in Sartre and Camus. The Challenge of Freedom. Translated by Catherine Atkinson, Reihe Dialoghi/dialogues. Literatur und Kultur Italiens und Frankreichs. Edited by Dirk Hoeges, vol. 13, Verlag Peter Lang, Frankfurt, Berlin, Bern u.a., 2009.

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