Die Schülerproteste in Frankreich
| Die Proteste der Schülerinnen und Schüler in Frankreich |
Von hier aus ist es die Dynamik der Proteste schwer einzuschätzen, aber wie Nathalie Segaunes in LE MONDE > Mobilisation lycéenne : les premières surprises de la plateforme de concertation – Le Monde, 9. Oktober 2026 – berichtet, scheint die Demonstrationen an Dynamik zu verlieren und sie konzentrieren sich immer mehr auf einzelne Regionen und lokale Probleme. Abgesehen von den konkreten Forderungen nach mehr Lehrern oder besseren Unterrichtsbedingungen drückt sich wohl auch ein immer stärker werdendes Misstrauen gegen die politische Führung des Landes aus, das in den Augen der Jugendlichen ihnen keine Zukunft bieten kann. Die Perspektive Le Pen oder Melencheon als Präsident/in den Éysée-Palast einziehen zu zeihen, fördert keinen Aufbruch, wird eher als grundsätzliche Misserfolg und Versagen der Politik, von denen da oben verstanden. Es ist diese Perspektivlosigkeit, die die Schüler und vermehrt auch die Studenten auf die Straße treibt. Die Karikatur von Heino Sakkurai aus der Berliner Zeitung, die Pascal Thibaut zitierte:
Mesures de prévention en Allemagne pour éviter que le mouvement de protestation des lycéens ne s’exporte
« Jusqu’à ce que la situation se calme, nous laissons les élèves en cours de français faire ce qu’ils veulent. Ils ne doivent surtout pas traiter de la France » pic.twitter.com/x1TtwcsBVv— Pascal Thibaut (@pthibaut) October 8, 2026
deutet zwischen den Zeilen an, was passieren könnte. In Deutschland gibt es ein ähnliches Unbehagen bei Schülern und Studenten. Nur gibt es hier nicht die gleiche Demonstrationskultur wie in Frankreich. Und dennoch könnte sich auch nach dem Vorbild der französischen Altersgenossen hier ein ähnlicher Protest entwickeln, zu tief sitzt auch bei Jugendlichen die Sorge vor einer Perspektivlosigkeit, so wie bei Studenten, die fürchten, dass die KI ihnen die Arbeitsplätze wegnimmt.
Auf der Online-Plattform der Regierung AGORA > https://www.agora.gouv.fr/consultations/lycee wurden 67.000 Beiträge hinterlegt, von denen 60.277 ausgewertet werden. Die anonyme Befragung läuft vom 5. bis zum 23. Oktober 2026. Die Schülerinnen und Schüler können dort ihre Schwierigkeiten im Schulalltag schildern und Verbesserungsvorschläge machen.
Au lycée polyvalent de Cachan pour poursuivre le dialogue avec les lycéens.
Comme chaque jour depuis la semaine dernière, j'ai vu ce matin le visage de la démocratie scolaire.
Avec les élèves élus de l’établissement, nous avons échangé, sans tabou ni complaisance, sur leurs… pic.twitter.com/LLDRHNNVE5
— Édouard Geffray (@EdouardGeffray) October 9, 2026
Die Gestaltung ihrer Stundenpläne steht an erster Stelle: 70 Prozent der Jugendlichen bemängeln lange Schultage, ungünstige Unterrichtszeiten, zu viele Hausaufgaben und zu kurze Mittagspausen. Danach folgen mit mit 48,2 Prozent die schlechten baulichen Bedingungen der Schulgebäude, deren mangelnde Isolierung, defekte Fenster und übermäßige Hitze im Sommer stehen im Mittelpunkt der Kritik.
Nur 27,2 Prozent der Beiträge nennen den Lehrkräftemangel, fehlende Vertretungen und die unzureichende Qualifikation einzelner Lehrkräfte. Und 22,5 Prozent beklagen überfüllte Klassen, wo häufig mehr als 35 Schülerinnen und Schüler unterrichtet werden.
Journées trop longues, lycées vétustes, Parcoursup… que disent les lycéens sur la plateforme du gouvernement ?
➡️ https://t.co/MweWMpk4Bh pic.twitter.com/8sDYWMn54N— LCI (@LCI) October 9, 2026
Erstaunlicherweise spielt das Hochschulzulassungsverfahren Parcoursup mit 16,4 Prozent eine geringere Rolle als erwartet, wird aber wegen psychischer Belastung, mangelnder Transparenz und wahrgenommener Ungleichheit kritisiert.
Une Marseillaise est entonnée par les pompiers sur la place de la Bastille à Paris.#greve29septembre #29septembre #pompiers pic.twitter.com/fbvrjx9RrO
— Luc Auffret (@LucAuffret) September 29, 2026
Außerdem werden eine bessere Unterrichtsgestaltung angemahnt. Nur neun Prozent fordern ausdrücklich die allgemeine Zulassung von Mobiltelefonen: vgl. > En France, les réseaux sociaux seront interdits aux moins de 15 ans. – Soziale Netzwerke werden in Frankreich für Jugendliche unter 15 Jahren verboten 16. September 2026: „Außerdem wird die Nutzung von von Mobiltelefonen an französischen Gymnasien verboten, wobei einzelne Schulen Ausnahmen festlegen dürfen.“ Vgl. Interdiction des téléphones portables au lycée : ce que dit la loi. www.info.gouv.fr, 25. August 2026.
Zuletzt hatte die Regierung die Sachschäden beziffert im Zusammenhang mit den Protesten auf mindestens 30 Millionen Euro und zeit sich besorgt. dass Millionen Unterrichtsstunden ausfallen und dadurch 10.000 bis 20.000 Jugendliche den Anschluss an die Schule verlieren könnten.
Lire: Mobilisation lycéenne : les premières surprises de la plateforme de concertation – Nathalie Segaunes, Le Monde, 9. Oktober 2026
Mouvement lycéen : à Saint-Denis, le « temps de démocratie » voulu par le gouvernement à l’épreuve de l’éveil politique des élèves, Sylvie Lecherbonnier, Le Monde, 10. Oktober 2026