Michel Houellebecq, Soumission

Mit La Soumission (Pairs: Flammarion 2015) hat Michel Houellebecq dieses Jahr einen neuen Roman vorlegt, der unter dem Titel Unterwerfung auf Deutsch (Köln: Dumont 2015) erschienen ist.

In Frankreich gewinnt nach zwei erfolglosen Wahlperioden von François Hollande Mohammed Ben Abbes die Präsidentschaftswahlen und wandelt Frankreich in einen islamischen Staat um. Schon vor seinem Wahlsieg wird die Universität in Paris geschlossen, François, der Erzähler dieser Geschichte und Huysmans-Spezialist, sieht seinen Lehrauftrag in Gefahr. Zunächst verlässt er Paris in Sorge vor einem ausbrechenden Bürgerkrieg. Seine Erlebnisse auf der kurzen Reise bis nach Rocamadour bestätigen seine Befürchtungen. Nach den Wahlen kehrt er wieder zurück und schließt sich nach einigem Zögern dem neuen Regime an.

Rezensionen schreiben sich am besten, wenn man keine andere zur Kenntnis nimmt, nur das zu rezensierende Buch liest und darüber zu schreiben beginnt. Im Fall eines Romans von Houellebecq ist das anders. Das Grundrauschen in den Medien ist schon mit dem Erscheinen des Buchs unüberhörbar. Lob und Anerkennung zum Buch schallen aus allen Kanälen, da kann auch der üblich-schüchterne Auftritt des Autors in Köln kaum etwas daran ändern. Verdient La soumission diese Vorschusslorbeeren?

Kenntnisse der Literaturwissenschaft: Der erste Teil bis S. 44 ist besonders überzeugend. Der Erzähler François (und folglich Houellebecq) beherrscht als Literaturwissenschaftler sein Metier und berichtet mit Sachverstand über seine Beschäftigung mit Huysmans (1848-1907).

Spannung: François berichtet über sein Leben und deutet an, wie die islamische Partei auftaucht und an Stärke gewinnt. Gründe für Ihren Erfolg nennt er nur sehr spärlich, mehr wird der Leser später erfahren. Richtig spannend sind die Seiten 107-164. Die Einführung ist gelungen, schleppt sich aber doch ein wenig. Spannungselemente sind, inwieweit die französische Gesellschaft islamisiert wird, ob sie sich dagegen auch nur ansatzweise wehrt, und schließlich ob der Erzähler sich treu bleibt, oder ob er der Versuchung nachgibt, das großzügige Gehalt als Lehrbeauftragter der islamischen Universität anzunehmen und mitzumachen.

Dramaturgie: Zur Dramaturgie gehört auch die Einführung der Personen, ihre Charakterisierung, und wie sie die Handlung vorantreiben. Er lässt sie zuweilen sehr aus Zufall an den passenden Stellen erscheinen: Myriams Anruf, S. 96, Alain Tanneur, der Ehemann von Marie-Françoise begegnet dem Erzähler unvermutet Martel, gerade passend, um die politischen Aussichten zu kommentieren, wenn die Islamisten die Wahl gewinnen würden. Die drohende Islamisierung der Gesellschaft wird von Tanneur beschrieben, während die Überzeugungen, die der Rektor der Universität dem Erzähler vermittelt, die Islamisierung der Republik als Fakt vermitteln. Es handelt sich dabei um mehrere Erzählblöcke, Monologe, die die Handlung und den Spannungsbogen unterbrechen.

Kenntnisse des Islam: Der Autor ist mit dem Islam gut vertraut und kann ein überzeugendes Bild vermitteln, wie der Islam die französische Republik sich unterwirft. François‘ nahezu unkritische, Art dem Rektor der Universität zu folgen verstärkt das negative Bild der Pariser Intellektuellen in diesem Roman.

Stil: Der Stil ähnelt in vieler Hinsicht seinen Vorgänger-Romanen. Wortwahl, Redewendungen, die Wiedergabe der Beobachtungen mit der Andeutung von Bewertungen vermitteln eine Präsenz, die mit dem anfangs eher gespielten Desinteresse des Autors an seiner Umgebung und der politischen Entwicklung in Kontrast steht.

Soziologische Beobachtungen: Houellebecq lässt seine Personen erzählen, äußert aber auch davon unabhängig Antipathien oder Sympathien. Der Philosoph Robert Rediger verkörpert im Roman den Präsidenten der Universität Sorbonne, der François überzeugen will, an die islamische Universität zurückzukehren. Sein Verhältnis zu Rediger ist zunächst distanziert und die Welt, die ihm der Präsident der Sorbonne skizziert, wirkt wie eine Verführung angesichts der Annehmlichkeiten (Finanzen, Wohnung, Frauen), die ihm in Aussicht gestellt wer-den.

Politikanalyse: Seine politische Analyse ist so kurzgefasst, dass sie kaum für eine Erklärung reicht, warum die Islam-Partei siegen kann: Er sei sich seit Jahren darüber über die wachsende Kluft „l’écart croissant, devenu abyssal“ (S. 116) zwischen Bevölkerung und denen, die in ihrem Namen sprächen: Journalisten und Politiker, im Klaren gewesen. Dies müsse notwendigerweise zu einer Art Chaos führen. (Vgl. S. 116). Wie funktioniert politische Verführung (S. 109)? Diese Frage beantwortet Houellebecq ziemlich knapp aber einleuchtend, in dem er die die Rückkehr religiöser Fragen und den fehlenden Widerstand der Intellektuellen in den Blick nimmt. (S. 108 f.)

Idee und Ausführung: Der Roman ist eine Anklage der heutigen Intellektuellen, die angesichts einer desolaten Situation resigniert haben. Dabei spielt die Gestalt des Autors, der das Desinteresse an allem zu verkörpern scheint und damit den Ansatz des Romans bestätigt, kaum eine Rolle. Seine Idee zu seinem Buch beruft sich auf das Unvermögen der regierenden Parteien Kontakt zu ihren Wählern zu halten, womit der qualitative Niedergang der politischen Debatte im Zentrum seiner Kritik steht. Explizit nennt er nur an wenigen Stellen Gründe für das Versagen der politischen Parteien. Schon durch sein Desinteresse, das er am Anfang schildert, gibt er eine Stimmung zu erkennen, die von wenig Lust am politischen Austausch geprägt ist. Das Einlenken der bisherigen Regierungsparteien auf die Islam-Partei gehört zur politischen Science-Fiction. Die Verführbarkeit der Massen hat der Autor, wenn auch nur in einigen Ansätzen, wirklich überzeugend anklingen lassen. Die Frage, ob die Idee zu diesem Buch eine tragfähige Grundlage dieses Romans sei, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, zu einfach ist die Geschichte gestrickt, die sich im Wesentlichen auf die Risse im politischen System beruft, die zu seinem Niedergang führen. Diese Risse sollten die Politiker heute ernst nehmen. Es gibt Gründe, wieso sich immer mehr Wähler von den etablierten Parteien abwenden und sich für die Randparteien interessieren.

François Hollande : Discours au Memorial de la Shoah

Cérémonie au Mémorial de la Shoah

Am Dienstag, 27. Januar 2015, hat Präsident Hollande auf dem Parvis du Mémorial de la Shoah (17, rue Geoffroy-l’Asnier, 75004 Paris) aus Anlass der 70. Jahrestags des Befreiung des Konzentrationslager Auschwitz durch die Rote Armee eine Rede gehalten und der Opfer der Naziherrschaft gedacht.

> Discours au Memorial de la Shoah PDF

„Je sais ce qui vous tourmente : qui parlera, qui parlera des camps, qui parlera de la Shoah quand vous ne serez plus là ? Je vous fais cette promesse, qui est un engagement : la République française n’oubliera jamais, et avec les documents, les témoignages que vous nous laissez, les livres, les textes, les enregistrements, et ce lieu qui est le vôtre, alors, nous n’oublierons jamais. […]
La responsabilité des autorités de la République – elles sont ici présentes, toutes rassemblées – est donc de tout faire, pour que les juifs soient pleinement chez eux, en France, pour que jamais ils ne s’y sentent menacés ou isolés. Pour combattre un ennemi, il faut d’abord le connaître et le nommer : l’antisémitisme. Il a changé de visage mais il n’a pas perdu ses racines millénaires. Certains de ses ressorts n’ont pas changé, hélas, dans la nuit des temps. C’est toujours le complot, le soupçon, la falsification, mais aujourd’hui il se nourrit aussi de la haine d’Israël.“ F. Hollande

> Commémoration du 70ème anniversaire de la libération du camp d’Auschwitz-Birkenau

> Fondation pour la Mémoire de la Shoah

Le webdocumentaire Les Deux Albums d’Auschwitz

Grâce au Tweet de > Najat Vallaud-Belkacem, ministre del’Éducation nationale, de l’Enseignement supérieur et de la Recherche, nous pouvons annocer ici le webdocumentaire de Canope: > Auschwitz, l’histoire de deux albums : un projet transmedia, à partir du 27 janvier 2015:

„Le webdocumentaire Les Deux Albums d’Auschwitz, gratuit et en libre accès, met en perspective l’album de Lili Jacob et l’album de Karl Höcker. Des centaines de photos, des dizaines de textes et des synthèses historiques, et l’intégralité de l’interview de Lili Jacob permettent de découvrir le destin tragique des déportés qui contraste avec le quotidien des officiers SS.“

> Réseau Canopé accompagne la journée de la mémoire des génocides et de la prévention des crimes contre l’humanité



Der Laizismus in Frankreich

Wenn man mit deutschen Schülern über die Attentaten in Paris spricht, die 17 Menschen das Leben gekostet haben, dann wird auch über die republikanischen Werte gesprochen, die jüngst die Ministerin Najat Vallaud-Belkacem betont hat: > Présentation de la grande mobilisation pour l’École pour les valeurs de la République Dazu gehört auch der Laizismus, den auch Manuel Valls so eindrucksvoll in der Nationalversammlung in Erinnerung gerufen hat > 13 janvier 2015: Manuel Valls devant l’Assemblée Nationale : “Restez fidèle à l’esprit du 11 janvier.”

richard-molard

Gabriel Richard-Molard, Sozialist, Politikwissenschaftler und Mitarbeiter des > Abgeordneten Pierre-Yves Le Borgn‘ schreibt in einem Aufsatz für die Berliner Stimme einen Artikel über die Entstehung des Laizismus, > „Wir müssen die Gleichheit fördern“ *.pdf, den er den Lesern unseres Blogs hier zum Download anbietet. „Wie soll ich das in Bayern erklären…?“fragte einer seiner Freunde auf Facebook.

Liberté, Egalité und Fraternité gehören zu den Grundwerten der französischen Republik. 1905 kam mit der Trennung von Kirche und Statt die Laicité mit dazu. Die Trennung sollte alle Religionen gleichstellen und gemeinsame schützen. Autor des Gesetzes über Trennung von Kirche und Staat war > Ferdinand Buisson (Wikipedia), Sozialist und Protestant. Er gründete die Französische Liga für Menschenrechte, um den zu Unrecht angeklagten Alfred Dreyfus zu verteidigen.

Richard-Molard schreibt, dass dieses Gesetz der Religion eine Privatsphäre zumaß und gehört gleichzeitig zur Republik: „Unser modernes Europa ist jedoch nicht mehr nur christlich. Es ist multikulturell und multireligiös,“ so der Autor dieses Artikels. Ud er fügt hinzu: „Der Laizismus stellt eine gute Lösung für diese Probleme dar. Er schützt vor der Entstehung sozial anerkannter, aber zugleich abgekapselter Religionsgemeinschaften. Er schützt Menschen in der Gesellschaft davor, mit Etiketten versehen zu werden…“

> Laïcité : des clés pour comprendre – Site de la Bibliothèque nationale de France

Najat Vallaud-Belkacem : Présentation de la grande mobilisation pour l’École pour les valeurs de la République

french german 

Erschienen bei Klett-Cotta:
Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben

Meistens schreiben wir zuerst den Lesebericht über die Bücher aus einem unserer Verlage – keine Rezension, die stehen woanders – und danach versuchen wir den Autor zu sprechen und nachzufragen. Ob der Lesebericht seine Intentionen trifft, ober wichtige Anmerkungen hinzufügen will, oder wir plaudern ganz einfach nur über sein Buch. Bei dem Buch von Pierre Lemaitre, der 2014 den Prix Goncourt für sein Buch erhielt, > Wir sehen uns dort oben war das anders. Wir haben ihn kurz vor dem Erscheinen seines Buches auf der Frankfurter Buchmesse getroffen, der guten Ordnung halber hieß der Beitrag mit dem Video unseres Gesprächs: > Vorgefragt: Pierre Lemaître, Wir sehen uns dort oben.

Jetzt ist unser Lesebericht fertig: > Lesebericht: Pierre Lemaitre, Wir sehen uns dort oben. Wie gesagt, es ist keine Rezension, aber wir möchten trotzdem erklären, wieso dieser Band so spannend ist.

Krieg, Schützengräben, Geschützdonner, Tote und Verwundete. Nichts blieb den Soldaten an der Front bis in die letzten Stunden des Krieges erspart. Ein kleiner Kommandotrupp der am Frontabschnitt 131 den Tod findet, soll gerächt werden. Die Soldaten verlassen die Schützengräben, laufen in das Feuer, das anscheinend in diesem Moment nicht immer feindlich ist. Viele fallen, einer wird lebensgefährlich verletzt , rettet mit letzter Grabe einem Verschütteten das Leben. Das sind Albert und Edouard, die die Demobilisierung zusammen erleben. Albert pflegt Édouard mit viel Morphium. Auf sehr zufällige Weise begegnen sie ihrem machthungrigen Leutnant Pradelle wieder – man begegnet sich nicht nur im Roman auch im Leben immer wein zweites Mal, der jetzt mit Umbettungen sein großes Geld verdient.


> Centenaire: 1914-1918 – Bibliographie und Sitographie


Albert und Éduard gründen ein Scheinfirma. Die Moral ist auf der Strecke geblieben, viel Moral gibt es bei ihnen nicht mehr. Auch in seinem Job nimmt er es mit der Ehrlichkeit nicht gerade so genau. Und dann gibt es noch den Beamten Merlin, der immer zurückgesetzt, jetzt seine Stunde gekommen sieht, und mit Beamtenblick die Missetaten von Pradelle aufdeckt, zu kleine Särge, die Leichen sind falschen zugeordnet, Pradelle wird in die Enge getrieben. Albert und Eduard geht es auch nicht besser. Ihr Unternehmen gerät in Gefahr.

Kaum ist man im Roman drin, packt einen die Lesespannung.

Pierre Lemaitre
> Wir sehen uns dort oben
Roman, aus dem Französischen von Antje Peter (Orig.: Au revoir là-haut)
1. Aufl. 2014, 521 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-608-98016-5

1 286 287 288 289 290 559